Vorwort des Autors - Seite 2
Warum "Gabriel von der Schmerzensreichen"? Nicht, dass ihn der Schmerz an sich berührt hätte, wenngleich der Schmerz von Maria dramatisch und herzzerreißend sein musste, als sie ihren Sohn am Kreuz wie einen Verbrecher sterben sah. Es war eher der Schmerz seiner eigenen Ohnmacht angesichts des allgegenwärtigen Verrats an der Liebe durch die Menschen, in dem schon kommende noch dramatischere Entwicklungen der Menscheit absehbar waren. In der Figur der Madonna fand Gabriel nicht nur Trost, sondern auch praktische Antworten. Der Tot trat oft in sein Leben: zuerst seine Mutter, dann sein Bruder, seine Schwester... sie alle starben früh und hinterließen große Trauer. Dann verpasste ihn nur knapp eine verirrte Gewehrkugel, er wurde von einem Pferd in die Brust getreten und litt an einer wiederkehrenden Erkrankung der Atemwege - all das brachte ihn zum Nachdenken.
Trotz allem war er von starker, offener und fröhlicher Natur. Eine Führungspersönlichkeit, mitreißend und integrativ, er spielte Theater und lebte seine Talente aus - sie nannten in den Tänzer. Und doch hat er vielleicht tief in seinem Innern schon gespürt, dass sein Leben schnell einem frühen Ende zueilt, dass all dies nutzlos war. Hier liegt der Grund für den starken Antrieb, seine Seele zu retten, sich entschieden und aus freien Stücken auf die Suche nach der Perfektion zu machen, um sich dann so Gott, an dessen Existenz er fest glaubte, präsentieren zu können: perfekt, trotz seines jugendlichen Alters. Aus diesem Grunde wurden Respekt, Gehorsam und protestfreie Demut zu Prinzipien seines Herzens, in dem nur Jesus, Maria und der ewige Vater als einziger Herrscher, der niemals verrät, regieren konnten. So suchte er, sich eine innere Reinheit zu bewahren. Er verliebte sich in die fortwährende Suche nach der Perfektion, die er mit Spontaneität und Natürlichkeit weitertrieb, in Freude über jedes Opfer, das ihn seinem Ziel näher brachte. Dieses sein Leben war in dem Sinne weltfern, als dass er nicht mit dem Strom schwamm. Es bedeutete aber auch einen Kampf, diese umbefleckte Perfektion zu erreichen. Es geht dabei nicht darum, eine bestimmte Form zu wahren, sondern jede Bequemlichkeit, die die Entwicklung der Spiritualität behindert, zu überwinden.
Er verliebte sich ebenso in die Jungfrau Maria, denn sie lebte so wie er leben wollte: unbefleckt. Für den, der glaubt, ist Jesus das Vorbild, dass uns von Gott gegeben wurde. Ein Modell der Dankbarkeit Ihm gegenüber. In unseren Schwächen haben wir sicherlich diese Brücke Jesus - Gott nötig, wir brauchen jedoch oft auch eine Brücke, die zunächst zu Jesus führt. Der Vater trägt in seiner Barmherzigkeit dieser Notwendigkeit, die Teil unserer menschlichen Schwäche ist, Rechnung; wie oft suchen wir ein Vorbild, das uns zu Jesus führt, ein Vorbild, von dem wir dann sagen: "er konnte so sein wie Jesus, also kann es auch ich!". Wenn uns Jesus - obwohl er immer bei uns ist - noch zu weit entfernt scheint, benötigen wir ein Modell, das unserem Leben und unserer Kultur nahe steht, jemand der in unserer Nähe gelebt hat, jemand aus unserem Dorf oder unserem Land. So lebte auch das Beispiel des hl. Gabriel, seine Liebenswürdigkeit, seine Anmut und seine Schönheit hier für viele Jahre weiter, in den Erinnerungen seines Vaters Sante, seines spirituellen Führers Vater Norberto, bei seinen Mitbrüdern und Freunden. Und doch war er auch vielen unbekannt.
Dann jedoch, durch übernatürliche Intervention (und wie sehr man auch darüber nachdenken will, die Tatsache bleibt übernatürlich), drückt sich bei der Exhumierung seines Körpers ein höherer Wille aus: sieben Wunder, sieben Heilungen an einem Tag nach dreißig Jahren in der Gruft, gefolgt von vielen anderen, die sich gar nicht mehr zählen lassen...
Sicherlich "wollte" die Bevölkerung von Isola vielleicht "ihren" Heiligen, sie hofften auf einen eigenen Heiligen, allerdings nicht mit dem Ziel, hier Wunder geschehen zu lassen, die sich nur mit Glauben in die Barmherzigkeit Gottes erklären lassen. So stieg also der Heilige Gabriel buchstäblich aus dem Grab, weil uns der Herr wohl auf seine Tugenden als Beispiel zur Nachahmung bei der Suche nach einem Leben, das auf Werten und nicht auf Wertlosigkeit aufbaut, aufmerksam machen wollte. Jeder wird nun wissen, ob und wie er diese in sein eigenes Leben und seine eigene Berufung einbringen kann.
Im Musical werden nacheinander die verschiedenen Stimmungen und Gefühle dem Leben und dem Tod gegenüber dargestellt, so wie sie typisch sind für den Menschen - einen jungen Menschen, der sich nicht von den aktuellen Moden und vom Zeitgeist beeinflussen lässt, so wie viele andere es tun, um der Unbequemlichkeit zu entrinnen. Diese rührt nicht so sehr von den Fragen her, die unserem Inneren entspringen, sondern von den Antworten, die von den Götzen des Zeitgeists gegeben werden und die danach trachten, alles was nicht glitzert, was aber echte Werte vermittelt, zu verschleiern.
Dies ist die Botschaft des Musicals. Es gibt keine Sensationen oder heorischen Taten zu berichten. Ein heilig gesprochener, der ein kurzes Leben als Unbekannter führte. Er führte es in der Stille, aber nicht in Gleichgültigkeit gegenüber Gott, der auch unser geringstes Streben nach Wahrheit verfolgt und unterstützt.
Carlo Tedeschi