DREIZEHNTE SZENE
Die Krankheit
Vor dem Kamin wird eine Szene mit Gabriel und seinem Bruder Michele heaufbeschworen
Stimme ...Er war untröstlich über die mangende Perfektion in allem, was er tun wollte, er schämte sich regelrecht vor Gott dafür. Dann verliebte er sich von Neuem und nahm sich vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Auf diese Weise gelangte er zu einem Grad der Tugend, in dem für mich nichts mehr zu wünschen übrig blieb...
Michele ...hallo Franz, ich habe dir ein herzförmiges Amulett aus Gold mitgebracht, wo du ein Bild der Madonna einsetzen kannst...
Gabriele ...Das darf ich nicht annehmen, ich habe Armut geschworen... “Corde magno et animo volenti”!...
Voce ...er sprach den Leitsatz des Gründers der Passionisten in größter Freundlichkeit aus, weder hastig noch locker oder befangen zu wirken... Er suchte mit großer Sorgfalt, sich vor nutzlosen Gedanken oder Gesprächen zu schützen. Am Ende einer Diskussion sagte er oft sinngemäß:
Gabriele ...Was gesprochen wurde, ist gut, doch wir sollten uns nicht mit Worten begnügen, sondern Taten folgen lassen.
Voce ...Er vermittelte nichts, was er nicht selbst praktiziert hätte. Ich konnte in ihm auch nicht das übliche Auf und Ab im Gemütszustand, das man bei den meisten sehen kann, beobachten. Er war immer in der selben Stimmung, so wie einer, der über den Wechselbädern dieses Lebens steht...
...wenn der Glaube des Gottesdieners schon exzellent war, so war es nicht minder der Grad seiner Hoffnung...
... mit dem Bewusstsein, immer willkommen und beliebt zu sein, sich immer wieder Schmeichelein ausgesetzt zu sehen, wegen seines Wohlstands, seiner seltenen charakterlichen und körperlichen Qualitäten und seiner vielen Begabungen, müssten ihn eigentlich, sensibel wie er war, anfällig für weltliche Versuchungen gemacht haben...
Es erscheint der elegant gekleidete Gabriel, gefolgt von vielen Jugendlichen in Abendkleidern, unter ihnen auch sein Bruder Michele. Das Bühnenbild verwandelt sich und Gabriel findet sich in mitten eines Festes in einem Herrenhaus wieder. Zur Musik des "Libiam" aus "La Traviata" prostet er seinen Freunden zu und stellt sich mit einer kleinen Vorführung zur Schau.
Dann verschwinden alle wieder so schnell wie sie aufgetaucht waren und lassen den Kamin mit den zwei Sesseln zurück, während die "Stimme" weiterspricht und die Tage der Krankheit Gabriels beschwört.
Stimme ...Er verzichtete wirklich freiwillig und von ganzem Herzen zu Gunsten übernatürlicher Güter auf alles weltliche Gut... Seine Hingabe an Gott war nicht nachlässig oder halbherzig, nein - er gab sich Ihm in Gänze, ohne jeglichen Rückbehalt...
Gabriele ...Niemals etwas gegen Gott, Vater, nie, nie, nie...
Stimme ...In den Tagen seiner Krankheit bedauerte er immer die Mitbrüder, die ihn pflegten und bedienten...
Gabriele ...Wenn ich ehrlich sein soll, muss ich sagen, dass es mir nicht leid tut, sterben zu müssen,
ich fürchte, es ist eher so, dass ich gerade jetzt die wahre Liebe spüren kann...
Stimme ...während seiner Krankheit bat er oft um die heilige Kommunion. Einmal, als die Gemeinschaft gegangen war, um das Sakrament zu empfangen, blieb ich bei ihm...
Gabriele ... Vater, tut mir den Gefallen, erlaubt mir aufzustehen und den Leib Jesu auf Knien zu empfangen...
Stimme ...das kann ich nicht tun, du wirst ihn im Bett erhalten...
Gabriele ...dann lasst mich wenigstens im Bett knien...
Stimme Es stellte ein großes Opfer dar, ihm auch diesen Wunsch verweigern zu müssen. Doch er gehorchte. Als ich sah, dass ihm nur noch wenige Minuten seines Lebens blieben und sein Tod unmittelbar bevorstand, nahm er sich die Zeit, um seiner Zerknirschtheit Ausdruck zu verleihen. Er sagte:
Gabriele Wäre unsere Erlösung in unsere eigenen Hände gelegt, hätten wir allen Grund zur Besorgnis. Doch sie liegt in den Händen Gottes und also in guten Händen. Gott möchte uns nicht untätig sehen, sondern ihm gefällt es, wenn er uns immer in der Bemühung sieht, uns das Paradies zu verdienen. Wenn Gott so weit ging, mir seinen Sohn zu schenken, wass könnte ich dann nicht von ihm erhoffen? Wenn Jesus Mensch wurde und für mich einen schmerzvollen Tod starb, warum sollte ich fürchten, dass er sein Werk nicht zu Ende brächte?...